Zusatzmaterial zur Sendung von Samstag, 24.04.2010
Funkkolleg Religion und Gesellschaft
Die Vertreibung Gottes aus Kunst und Literatur
Von Ruthard Stäblein
(Wh. am Sonntag, hr-info/8.35 Uhr)
Ab dem Nachmittag des 23.04.2010 werden Sie den Podcast zur Sendung hier finden.
Die französischen Libertins und Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts waren die ersten, die offensiv Gott in Frage stellten und sich außerhalb der religiösen Moral stellten. Am radikalsten war der Marquis de Sade. Er setzte an die Stelle Gottes die Gesetze der Natur, des Mannes, des Stärkeren. Dostojewski zeigte in seinen Romanen, wohin der Gottesverlust führen kann, zu Nihilismus und Terror, zu Mord und Unmoral. Bereits um 1800 kam es jedoch in Deutschland mit der Frühromantik und Novalis zu starken Gegenbewegungen. Seitdem lösen sich religiöse und antireligiöse Tendenzen in der Literatur ab. Um 1900 etwa wurde es unter Schriftstellern Mode, sich zu Gott zu bekennen. Vorbild war Joris-Karl Huysmans, der erst den Sünden der „Décadence“ frönte und dann zum Katholizismus konvertierte. In der deutschen Literatur lässt sich seit einigen Jahren eine Rückbesinnung auf religiöse Themen feststellen. Das fing mit Peter Handke und Botho Strauss an. Das lässt sich an Motiven wie Pathos und Schmerz beobachten. In dieser Sendung wird aufgezeigt, dass Autoren wie Arnold Stadler, Josef Winkler oder Christoph Schlingensief mit ihren Bekundungen über den Schmerz religiös werden, Religion ersetzen oder mit Religion ironisch umgehen.
Material:
Was bleibt von... Friedrich Nietzsche?
Mit dem Mittelmaß hat sich Nietzsche nie zufrieden gegeben – zumindest nicht in Gedanken. Nietzsche denkt in Extremen; und er fördert für den Menschen mitunter unliebsame Einsichten zu Tage.
Was bleibt von... Friedrich Nietzsche? - Der Beitrag zum Nachhören
Klassiker der Romantik: 5. Friedrich Hardenberg, genannt Novalis
Die in seinem unvollendeten Roman "Heinrich von Ofterdingen" beschriebene Blaue Blume wurde zum Symbol für die geistesgeschichtliche Epoche der Romantik überhaupt.
Produktiver Hass auf die Bourgeoisie
Joris-Karl Huysmans (1848-1907) schrieb mit "Gegen den Strich" die Lieblingslektüre aller Dandys und Lebemänner. In seinem Frühwerk "Trugbilder" zeigt er sich noch als naturalistisch geprägt: Detailgenaue Beschreibungen vom Elend einer Bohéme-Existenz zeigen die Kehrseite Paris' in der Belle Epoche.
Entführen, foltern, missbrauchen
Donatien-Alphonse-Francois Marquis de Sade ist reich, begabt und hat beste Beziehungen zum französischen Königshof. Dennoch verbringt er die Hälfte seines Lebens in Gefängnissen und Irrenhäusern. Er beschreibt seine Gewaltexzesse nicht nur - er lebt sie auch.
"Ich erzähle nur Dinge, die ich gesehen habe"
Für Rétif de la Bretonne war der 14. Juli, den die Grande Nation heute mit Grandeur und Stolz zelebriert, ein Tag des Terrors: "Ich sah eine Wolke von Unheil sich über dieser unseligen Stadt zusammenziehen, die noch vor kurzem die wollüstigste aller Städte der Welt war."
Macht Dostojewski pessimistisch?
Fjodor Dostojewski wird in der Weltliteratur als der Schöpfer des psychologischen Romans angesehen. In seinen Werken, z.B. "Schuld und Sühne", Die Brüder Karamasow", "Der Idiot" werden die Menschen immer wieder schweren Prüfungen unterzogen. Dostojewski beschreibt persönliche Grenzsituationen und tragische Schicksale. Er zweifelte daran, dass die Grundsätze des Humanismus in der Gesellschaft durchzusetzen sind. Sind seine Bücher nur pessismistisch zu sehen?
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